Nicht erst seit Corona ist eine steigende Anzahl von psychischen Problemen bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten. Viele kommen mit den Anforderungen des Lebens nicht mehr zurecht. Orientierungslosigkeit und die Angst, sie könnten etwas verpassen, hindert viele junge Menschen, Entscheidungen zu treffen. Was tun? Die Beachtung von fünf wesentlichen Werten könnte hier künftig einiges zum Guten verändern.

Von Ralph Studer

Die Unfähigkeit vieler Jugendlicher, sich zu entscheiden, zeigt sich bereits bei der Berufswahl. Es kommt deshalb nicht von ungefähr, dass in der Schweiz so viele Jugendliche wie noch nie die Lehre abbrechen.

„Influencer“ als Ideal

Das ständige Vergleichen in den sozialen Medien, schrieb mir ein ehemaliger Schüler, schüre die Angst, schlechter als andere dazustehen. Dies geschehe oft unbewusst.

Verstärkt werde diese Tendenz noch durch das Vorleben der „Influencer“, deren Leben von vielen jungen Menschen als höchste Lebensform angesehen werde. Daher sei dies auch ein beliebter Berufswunsch. Jugendliche verbrächten Stunden damit, sich anzusehen, wie diese „Internetapostel“ lebten, sich kleideten, ässen, Urlaub machten oder eine Beziehung führten. Ein solcher Lifestyle sei jedoch mit einem klassischen „Nine-to-five-Job“ nicht zu führen. Das könne zu Unzufriedenheit bis hin zum Selbsthass führen, so der junge Mann, der aktuell eine Berufslehre absolviert.

Den sinnvolleren, aber schwierigeren Weg wählen

Diese doch sehr nachdenklich stimmenden Aspekte machen die heutige Situation der jungen Generation verständlicher. Die Frage ist allerdings, welche Konsequenzen wir als Erwachsene, als Gesellschaft daraus ziehen.

Es sei elementar, so die Professorin, Diplompsychologin und Psychotherapeutin Dr. Boglarka Hadinger in ihrem Buch „Mut zum Leben machen“, junge Menschen zu beschenken, „sie [die jungen Menschen] aber auch herauszufordern, ihnen auch etwas abzuverlangen und Verantwortung zu übergeben.“ Dass dies nicht konfliktfrei abläuft, liegt auf der Hand. In der Erziehung werden Eltern immer wieder vor dieser Frage stehen, ob sie den angenehmeren (weil konfliktfreien) Erziehungsweg wählen oder den sinnvolleren, aber schwierigeren.

Dieser sinnvolle Weg verheisst bei aller Herausforderung, dass das Beste in diesen jungen Menschen sichtbar werden kann. „Denn faszinierende Menschen“, ist Hadinger überzeugt, „sind nicht dadurch faszinierend geworden, dass sie immerzu beschenkt wurden, sondern durch ihre eigenen Taten, durch ihre eigenen Haltungen, dadurch, wie sie schwierige Lebensumstände meisterten. Dadurch, wie sie selbst ihr Leben und Schicksal in die Hände nahmen.“

Gesundes Selbstwertgefühl

Damit sich ein gesundes Selbstwertgefühl bilden kann, sind für Hadinger fünf wichtige Werte („Stützpfeiler“) ausschlaggebend:

  • Positive Beziehungen
  • Kompetenz
  • Orientierung (Ziele und Werte)
  • Ein guter Mensch zu sein
  • Lebensfreude und Lebenslust

Positive Beziehungen

Kommunikationsfähigkeit ist die Grundlage für positive Beziehungen. Selbst aggressive und isolierte Kinder werden beziehungsfähiger, wenn man mehr mit ihnen kommuniziert und sie zur Kommunikation anleitet. Dies beflügelt zudem auch die Gesprächskultur und den Familienzusammenhalt. Dieser Wirkfaktor wird noch verstärkt, wenn Eltern und Kinder bzw. Kinder untereinander gemeinsam etwas schaffen. „In einem interessanten, lebendigen, intensiven Leben“, so Hadinger, „haben Drogen und sinnlose Ersatzvergnügungen keinen Platz. Man braucht sie nicht.“

Nicht jedes Kind ist allerdings gleichermassen gesprächsfähig. Hadinger unterscheidet drei verschiedene Typen: Manche Kinder – häufiger Mädchen – sind von Haus aus „Beziehungstypen“. Sie erzählen gerne und viel. Fragen wie „Wie geht es dir mit deiner Freundin? oder „Wie fühlst du dich?“ sind Türöffner. Andere Kinder – häufiger Knaben – sind „Handlungstypen“. Sie werden gesprächig, wenn sie darüber berichten können, was sie geschafft, gebaut und getan haben (z.B. gemeinsame Reparatur eines Fahrrads). Auf gefühlsorientierte Fragen reagieren sie eher wortkarg.

Die „Denkertypen“ dagegen berichten gerne über ihre Pläne, Phantasien und Ideen. Lebendig werden diese Kinder und Jugendlichen, wenn man sie um ihre Meinung oder Kommentar bittet. Phantasiegeschichten oder über „Gott und die Welt zu reden“ lockt sie aus der Reserve. Hier lohnen sich die Fragen: Über welchen vorrangigen „Kommunikationskanal“ verfügt Ihr Kind oder Teenager? In welchen Situationen oder Themen wird es redegewandter?

Kompetenz

Die Erfahrung von Eigenkompetenz, von Selbstwirksamkeit lässt den jungen Menschen erkennen, dass er eine Aufgabe hat und für diese Welt wichtig ist. In welchen Bereichen ist das Kind ein „Fachmann“? Führen die Eltern das Kind in diese Lebensbereiche ein und ermutigen es, wird es die wertvolle Erfahrung machen, etwas zu können. Besonders herausfordernde Aufgaben, bei welchen sich das Kind anstrengt, beeinflussen das Selbstwertgefühl positiv. „Erst durch eine kräftige Anstrengung“, so Hadinger, „wird ein Erfolg bedeutsam.“

Hilfreich ist auch das Verändern von einer eher problemorientierten hin zu einer lösungsorientierten Kommunikation. Oft liegt der Schwerpunkt auf dem Negativen, was nicht geht und warum es nicht geht. Hadinger veranschaulicht dies an einem Beispiel: Beim Kauf eines neuen Fahrrads, welches das Kind bereits ausgesucht hat, sagt der Vater: „Dieses Fahrrad ist zu teuer und zu gross. Dafür reicht das Geld nicht.“ Ein anderer Vater sagt: „Wir haben CHF 250 zur Verfügung. Suchen wir das beste dafür aus.“ Die Bemerkungen des ersten Vaters beschämen und engen ein. Die Bemerkungen des zweiten Vaters machen frei.

Auf die Kinder stärkend wirkt auch, wenn Eltern ihnen etwas zumuten. „Die Fähigkeit, Verantwortung zu tragen,“ so die Diplompsychologin, „macht einem selber Lebensmut und ist die Grundlage für ein sinnvoll gelebtes Leben.“ In folgenden Bereichen könnten Kinder Verantwortung übernehmen:

  • Beziehungsbereich (z.B. Tee für den kranken Bruder zubereiten, für ein Geburtstagskind ein Geschenk aussuchen)
  • Leistungsbereich (z.B. kleine Einkäufe erledigen, den Garten mitgestalten)
  • Denkbereich (z.B. Geburtstagsfeste mitgestalten, Sparplan für den Kauf eines Fahrrads erarbeiten).

Orientierung durch Ziele und Werte

Kinder identifizieren sich gerne mit Helden und lieben deshalb auch Lebensgeschichten von Menschen, die etwas Besonderes getan haben. Dies können auch „kleine Heldentaten“ aus dem persönlichen Umfeld sein, wie beispielsweise der Einsatz eines Bekannten, der trotz widriger Umstände seinen Freunden half.

An solchen Helden zeigen sich Werte wie Liebe, Zivilcourage, Höflichkeit und Gerechtigkeit, welche die Kinder zum Guten hinführen. Wichtig dabei ist, dass auch die Eltern ihre eigenen Werte vorleben. Denn Kinder, schreibt Hadinger, nehmen das elterliche Verhalten sehr genau wahr, auch wenn diese selbst nichts davon merken.

Zentral ist auch das Verzichten-Können zu Gunsten eines höheren Wertes. Dies kann schrittweise erlernt werden, wie beispielsweise im Materiellen durch Verzichten auf einen neuen Pullover zugunsten eines Fahrrads. „Wichtig ist“, so die Professorin, „dass das Verzichten lernen in kleinen Schritten erfolgt, dass Kinder den Sinn des Verzichtens unmittelbar erfassen können.“ Das Wörtchen „weil“ hilft hier sehr: „Ich verzichte darauf, einen neuen Pullover zu kaufen, weil ich auf ein Fahrrad spare.“

Ein guter Mensch zu sein

Wichtig ist, das Gute, was das Kind tut, auch zu benennen. Damit ist nicht gemeint, dass Kinder einfach als „brav“ wahrgenommen werden sollen, sondern dass Kinder für jemanden etwas tun wollen. Einen guten Dienst tun hier auch die bereits erwähnten Heldengeschichten. Die Identifikation mit dem Helden, so Hadinger, bildet die eigene Persönlichkeit und ermutigt zum Guten.

Die Lernpsychologie hat herausgefunden, „dass Kinder wie Erwachsene nur jene Menschen als Vorbilder ansehen können, deren Persönlichkeit eine Ähnlichkeit mit der eigenen Persönlichkeit aufweist. Nur jene Helden faszinieren uns folglich, deren Anlagen auch in uns schlummern.“ Beispielsweise sind schwierige Kinder fasziniert von Helden, die sich nicht immer „brav“ benehmen, die aber letztlich für andere Gutes tun. Ängstliche Kinder sind von zunächst ängstlichen Helden beeindruckt, die ihre Angst überwinden und sich mutig für ein gutes Ziel einsetzen.

Lebensfreude und Lebenslust

Das Staunen und die Neugierde zu fördern, hat einen positiven Einfluss auf die Entwicklung des Kindes. Spannende Bücher und Erlebnisse ermöglichen, das Leben mit all seinen Facetten zu entdecken. Kinder empfinden Freude, wenn man ihnen zeigt, wie Dinge funktionieren. Beispielsweise wie ein Magnet in Sekundenschnelle Eisenspäne ordnet oder wie ein Grashalm unter dem Mikroskop aussieht. Das Entdecken der Welt braucht nur ein wenig Phantasie. Vielfältige Materialien wie beispielsweise Pappkartons, Stoffreste oder Holzteile kurbeln die Kreativität von Kindern an.

In welchen Situationen fühlt sich das Kind unbeschwert oder zumindest anders als sonst? Geschieht dies beim Spielen oder Radfahren, beim Basteln oder bei Abenteuern in der Natur? Und übrigens: Eltern sollten die Unbeschwertheit ihrer Kinder unbedingt geniessen lernen. Die Entdeckerfreude und kindliche Unbeschwertheit wirken gerade auch auf Erwachsene unendlich heilsam und entspannend!

Dann ist viel getan

Mit diesen fünf Werten kann es uns Erwachsenen gelingen, junge Menschen zu stärken, ihnen Orientierung zu geben und sie in ihrer Entscheidungsfähigkeit zu unterstützen. Wenn wir das versuchen, werden sich auch unsere Familien und unsere Gesellschaft insgesamt zum Guten verändern. Sich dafür einzusetzen, lohnt sich in jedem Fall!