3Als Menschen erleben wir unser Leben oft als „schicksalhaft“. Dabei richten wir unseren Blick nur allzu sehr auf die möglichen Ursachen des eigenen „Schicksals“. Stattdessen wäre es hilfreicher, sich mit der Antwort zu beschäftigen, die man darauf geben kann.

Von Ralph Studer

Der Wiener Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl. (1905–1997) ist der Begründer der Logotherapie, einer sinnzentrierten Psychotherapie. Er hat sich zeitlebens mit dem Sinn des Lebens beschäftigt. Als Überlebender von vier Konzentrationslagern unter den Nationalsozialisten musste er sich dem Leben und seinem Schicksal in grundlegender Weise stellen. Seine Antworten, die er fand, sind beeindruckend und hilfreich zugleich.

Was ist „Schicksal“?

Mit „Schicksal“ meint Frankl nicht die Vorsehung. Vielmehr versteht er darunter die Gesamtheit all dessen, was eine Person gegenwärtig nicht in ihrer Hand hat und nicht ändern kann. Nicht änderbar sind die eigene Vergangenheit, vorherrschende körperliche wie seelische Zustandsbilder wie Aussehen, Statur, Konstitution, Gesundheit/Krankheit und alles, was die Welt um uns herum betrifft.

Schicksal ist also etwa, welches Alter und Geschlecht man hat, welche Kindheit man hat erleben dürfen oder müssen, welche Entscheidungen man selbst früher getroffen hat, welche Talente oder Defizite einem anhaften und letztlich auch das, was die anderen tun bzw. einem antun. „Da kommt schon einiges zusammen!“, resümiert die Professorin und Psychotherapeutin Dr. Elisabeth Lukas, die bekannteste Schülerin Viktor Frankls.

Freiraum trotz aller Bedingtheiten

Im Verhältnis zu dem beschriebenen Schicksalhaften ist unser persönlicher Freiraum tatsächlich eingeschränkt. Wir sind jedoch in zweifacher Weise frei: „Frei sind wir“, so Lukas, „in unseren Handlungen und in unseren Haltungen, mit denen wir auf die jeweiligen Schicksalsfaktoren ‚antworten‘.“ Zu unserer Freiheit zähle, was wir unternähmen oder nicht unternähmen und welche inneren Einstellungen wir zum Schicksalhaften wählen. Frankl spricht hier von den „Fragen des Lebens“, die in Form von Nicht-Änderbarem an jeden Einzelnen herangetragen werden. Aufgrund unserer Willensfreiheit liegt die Antwort in der jeweiligen Situation beim Einzelmenschen.

Unsere Antwort macht die Qualität

Auf diese Fragen des Lebens sind wir genug frei, einen „Qualitätswechsel“ zu vollziehen. „Wir müssen“, betont Lukas, „auf Negatives nicht negativ und auf Positives nicht positiv reagieren.“ Sie berichtet von Frauen, die eine furchtbare Kindheit erlitten haben und dennoch gute Mütter geworden sind. Aber auch von Männern, deren Väter exzessive Alkoholiker gewesen sind und die selber keinen Tropfen Alkohol angerührt haben.

Und hieran lässt sich trotz allem Schicksalhaften die Freiheit des Menschen erkennen: In den genannten Beispielen haben Personen auf eine „Minusfrage“ des Lebens („Du bist in schlechten Familienverhältnissen aufgewachsen, was machst du jetzt?“) eine „Plusantwort“ („Ich kopiere meine negativen Vorbilder nicht!“) gegeben, wie es Lukas formuliert.

Bild des Baumeisters

Bei Frankl erscheint das Schicksal wie ein Haufen Baumaterial unterschiedlichster Qualität, das dem menschlichen „Baumeister“ zur freien Verfügung gestellt wird. Aber kann er wirklich daraus bauen, was er will? Unsere Herkunft, unsere Bildung, unsere Mentalität, die Politik und die Wirtschaft unseres Landes engen uns doch gewaltig ein, oder?

Das ist die Realität: Der einzelne Mensch, der sich als „Baumeister“ seines Lebens betätigt, hat unterschiedliche Gegebenheiten. „Der Baumeister“, so Lukas, „kann zwar daraus bauen, was er will, aber nur im Rahmen des Möglichen.“ Der eine habe „zerbröselnde Sandsteine“ erhalten, der andere „kostbare Marmorblöcke“. „Trotzdem formen sich die Marmorblöcke nicht von selbst zum Palast. Manch einer hat sie schon unbeachtet liegen gelassen. Manch einer hat sie zum Waffenbunker oder zum Gefängnis verwendet.“, zeigt Lukas drastisch auf.

Die letzte menschliche Freiheit

Auch wenn das Schicksal unsere Handlungsmöglichkeiten oft beschneidet, kann es uns jedoch keine bestimmte Haltung aufzwingen. Es liegt an uns, die Fragen des Lebens sinnvoll zu beantworten und unsere Freiräume zu nutzen. Das ist unsere Aufgabe und unsere Verantwortung, die uns aus der menschlichen Freiheit erwächst. „Alles“, so Frankl, „kann einem Menschen genommen werden, bis auf eines: die letzte menschliche Freiheit – die Möglichkeit, in jeder gegebenen Situation seine Haltung zu wählen, seinen eigenen Weg zu wählen.“

Mehr zum Thema in den Artikeln „Was Viktor Frankl zu Liebe und Sexualität sagt…“ und „Viktor E. Frankl: Zeiten der Entscheidung“